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Der Betriebsleiter 9/2016

Der Betriebsleiter 9/2016

es notwendig, dass jedes

es notwendig, dass jedes Unternehmen sich für sein Geschäft eine Vision erarbeitet. Wir sehen uns heute als SEW-Eurodrive auch als ein Berater unserer Kunden. Wir versuchen, mit ihm gemeinsam diese neuen Gedanken, diese Ansätze, diese Vision zu erarbeiten und leiten daraus die Abläufe in der Fabrik ab. Wir gestalten sie, wir simulieren, wir zeigen, was möglich ist und versuchen dann über ein Umsetzungskonzept in Schritten in die neue Welt zu gehen. Haben Sie diese Vorgehensweise auch in der eigenen Fertigung praktiziert? Ja, wir haben versucht, genau das zu realisieren. Wir haben uns dieses Bild vom Kunden/ Subkunden gemacht und gefragt: Wie müsste SEW demensprechend aufgestellt werden? Wir haben dann in einer Schaufensterfabrik in Graben-Neudorf diese Prinzipien von Industrie 4.0 auch miteinander realisiert. Wir hatten dort die vollautomatisierte Produktion bereits in der alten Welt und mussten jetzt in der Schaufesterfabrik die neue Industrie-4.0-Welt mit einbetten. Und genau das haben wir getan. Wir haben dort viel gelernt, zum Beispiel wie man Mensch und Technik miteinander intelligent kombiniert. Wir haben eine modulare Fabrik realisiert, die nicht mehr starr verkettet ist, sondern aus einzelnen Prozessmodulen besteht. Und diese einzelnen Module sind nach Lean in höchster Perfektion gestaltet. Sie werden mit einer intelligenten Automatisierung mit intelligenten mobilen Assistenzsystemen miteinander vernetzt und dadurch entsteht der Ansatz einer intelligenten Kombination von Mensch und Technik. Das heißt: In der Industrie 4.0 unterstützt die Technik den Menschen bei der Leistungserbringung. Und damit schaffen wir – das sehen wir sehr deutlich in der Schaufensterfabrik – einen Quantensprung zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Wechseln wir den Blick Richtung Entwicklung und Konstruktion. Wie sehen Sie die Anforderungen, die durch Industrie 4.0 hier gestellt werden? Ich glaube, wir dürfen nicht mehr in diesen Funktionen denken, sondern wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette nach diesen Ansätzen und Prinzipien von Industrie 4.0 mit einer durchgängigen Datenbasis gestalten. Das heißt vom Kunden zum Kunden – ohne sogenannte Systembrüche! Das ist eine Grundvoraussetzung für eine kurze Time-to-Market und ist ganz im Sinne einer Lean-Strategie. Zudem müssen in der Entwicklung Produkte definiert werden, die auf einem Baukastensystem aufbauen. So haben wir die Möglichkeit, letztendlich erst kurz vor der Auslieferung die kundenindividuelle Lösung zu realisieren. Wir brauchen dazu durchgängige Datenmodelle, um in der Wertschöpfungskette verzahnt und eng den Auftragsdurchlauf realisieren zu können. Zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Informationen zu haben, ist für alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette essenziell. Und das bedeutet auch konsequent Veränderung im Umfeld der IT. Auch hier sage ich: Auch die IT muss sich neu erfinden! Wir müssen uns heute die Frage stellen: Wieviel ist noch zentral und wieviel ist dezentral zu organisieren? Und wir bei SEW sagen: Wir möchten hier mehr dezentrale Verantwortung haben – das heißt, kurze geschlossene Regelkreise. Wir wollen kleine Einheiten, die unternehmerisch agieren und handeln können. Und das erfordert eben eine neue Art von IT und natürlich auch eine neue Art von Automatisierung. Dieser dezentrale Ansatz würde sich dann bis auf die Produktebene herunterbrechen, um dann letzt ­ endlich auch Komplexität beherrschen zu können? Ganz genau. Auch auf der Produktebene versuchen wir heute zum einen über intelligente Komponenten und zum anderen über intelligente Grundbaukästen Komplexität zu reduzieren und dann auch diese Grundbaukästen dezentral vor Ort in die Verantwortung zu geben. Damit reduzieren wir deutlich die Durchlaufzeiten bei der Entwicklung und Produktion neuer Produkte. SUMMER OF ENGINEERING Der Industrie-4.0-Ansatz verändert also auch Ihre Produkte. Wandelt sich denn grundsätzlich Ihr gesamtes Leistungsangebot? Heißt das, dass Dienstleistungen eine bedeutendere Rolle spielen? Ja. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Wir waren klassischer Komponentenhersteller von Getrieben und Motoren. Dann haben wir gesagt: Das was wir antreiben, wollen wir auch steuern und regeln. So sind wir in Motion Control, in Steuerungstechnik eingestiegen. Und vor einigen Jahren haben wir uns entschlossen, unseren Kunden auch Systemlösungen anzubieten. Wir setzen unser Wissen ein, um unseren Kunden intelligente, auf Mehrwert ausgerichtete Antriebslösungen zu bieten. Das ist ein neues Geschäftsfeld im Hause SEW-Eurodrive. Wir beraten und planen hier, wir machen die Projektierung und die Umsetzung, und wir übernehmen auch ein Stück Verantwortung für das Leistungsergebnis. Ja, ganz deutlich. Ein Beispiel ist hier die Simulation. In der virtuellen Welt gestalten wir heute mit unseren Kunden komplette Abläufe. Wir zeigen ihnen hier, was erreicht werden kann und setzen dann erst diese Abläufe in die reale Welt um. Ein weiterer wichtiger Punkt ist natürlich Predictive Maintenance. Überall dort, wo wir dezentrale Intelligenz in unseren Produkten realisieren – sogenannte Smart Products – sind diese in der Lage, Informationen aufzunehmen, 10 Der Betriebsleiter 9/2016

INTERVIEW zu speichern und zu kommunizieren. So sind sie ganz leicht zu einem Cyber-Physical-System zu machen. Damit ermöglichen sie auch Dienstleistungen wie ein Condition Monitoring. Smart Products können mitteilen, wie sie sich gerade fühlen, wo sie sich gerade befinden. Das ermöglicht uns, gewisse Vorhersagen zu machen. Das sind neue Geschäftsfelder, das sind neue Dienstleistungen, die auch SEW konsequent geht. Sehen Sie in diesen neuen Geschäftsfeldern auch Ansätze für neue Geschäftsmodelle? Ja natürlich, denken sie an unsere mobile Fördertechnik, die Assistenzsysteme, die wir in unserer Schaufensterfabrik erproben – die haben wir hier auf unserer Agenda. Wir werden diese im Hause SEW produzieren und unseren Kunden anbieten. Diese neuen mobilen Systeme könnten in einem neuen Geschäftsmodell so vermarktet werden, dass sie nicht verkauft, sondern verleast werden; auch inklusive der notwendigen Infrastruktur, sei es ein berührungsloses Energie- und Lademanagement oder die Funk- und Navigationsausrüstung einer Fabrik. Wir können dann die Leistungsabrechnung von solchen mobilen Assistenzsystemen zum Beispiel über die transportierten Kilogramm pro gefahrenen Kilometern machen. Vieles ist hier denkbar. Wir könnten die Anlagen auch selbst betreiben, damit auch die ganze Maintenance-Verantwortung übernehmen. Sie verkaufen also in Zukunft nicht nur Produkte und Systeme sondern auch Verfügbarkeit? So ist es! Mit unserem Ansatz wäre im Fall der mobilen Assistenzsysteme sogar durchaus hundert Prozent Verfügbarkeit erreichbar. Solche mobilen Assistenzsysteme fahren wie Ameisen mit der Intelligenz des Schwarms durch die Fabrik. Wenn wir diese Intelligenz nutzen, dann kann ein Fahrzeug, das weiß, dass es bald ausfallen wird, sich abmelden und ein Fahrzeug aus dem Reservepool starten. So wird hundertprozentige Verfügbarkeit möglich. Das ist ein komplett neuer Ansatz, der wenn man ihn im Sinne von Industrie 4.0 über die gesamte Wertschöpfungskette lebt, zum besten Leistungsergebnis führt. Wo sehen Sie denn jetzt auf dem Weg zur gelebten Industrie 4.0 die größten Herausforderungen? Wie sieht die Automatisierungspyramide der Zukunft aus? Das ist für mich die entscheidende Frage, die es zu beantworten gilt. Wie viele Ebenen hat die Pyramide noch? Wieviel ist zentral und wieviel ist dezentral. Wenn wir die Idee der mobilen Systeme, der modularen Fabrik realisieren wollen, dann brauchen wir eine gewisse dezentrale Lösung. Das heißt heute zentralisierte Systeme aufbrechen. Das ist Change-Management, das ist Veränderung – und diese Veränderung betrifft auch Organisation und Unternehmen. SEW war Pionier in der Getriebemotorentechnik und ist hier heute Weltmarktführer. SEW war Pionier mit dem Baukastenprinzip, das vielen als Vorbild diente. Sehen Sie sich auch als Pionier für Industrie 4.0? Ja, absolut! Wir haben uns zum Ziel gesetzt mit unserem Ansatz Systemlösungspartner unserer Kunden auf dem Weg zu Industrie 4.0 zu sein. SEW möchte mit einer hohen Beratungsleistung seinen Kunden helfen, diesen Weg in diese neue Arbeitswelt zu gehen. Industrie 4.0 ist für uns ein wichtiger Baustein auf unserem Weg in die Zukunft. Wir bauen deshalb zurzeit eine entsprechende Mannschaft auf, die Industrie 4.0 bei uns konsequent vorantreibt. Ganz klar: Wir wollen auch hier eine gewisse Pionierrolle übernehmen. www.sew-eurodrive.de Bilder: Martina Heimerl VIDEO: INDUSTRIE 4.0 – BEREITS REALITÄT Tauchen Sie mit uns in die Produktion der nächsten Generation ein. http://bit.ly/SOE16_SEW INNOVATION-SCOUTS AUF DER SPUR VON INDUSTRIE 4.0 Im Sommer 2016 ging unsere Redaktion auf Deutschland-Tour, um mehr über die vernetzte Produktion zu erfahren. Eine Station dieser Roadshow führte uns zu SEW-Eurodrive. SUMMER of ENGINEERING ist aber noch viel mehr. In unserem Blog und in unseren Social-Media-Kanälen berichten wir über Ideen, Visionen und Umsetzungen in Sachen IoT. Was sagen Experten? Welche Umsetzungen gibt es bereits? Was verstehen verschiedene Berufsgruppen unter Industrie 4.0? Wie wird sich die Arbeitswelt verändern? Lassen Sie sich von den Artikeln und Videos überraschen und inspirieren. Gerne dürfen Sie auch Ihren Kommentar hinterlassen oder uns einfach nur liken, posten und empfehlen. www.summer-of-engineering.de Der Betriebsleiter 9/2016 11

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