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Der Betriebsleiter 6/2020

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Der Betriebsleiter 6/2020

MONTAGE- UND

MONTAGE- UND HANDHABUNGSTECHNIK I INTERVIEW Montage der Zukunft Wie man mit Assistenzsystemen Varianten beherrscht und Fehler und Ausschuss vermeidet André Pöppe, Produktmanager der Desoutter GmbH in Maintal „Den Begriff der Industrie 4.0 verbinden viele immer noch mit der Vorstellung einer menschenleeren Fertigung“, sagt André Pöppe, Produktmanager beim Industriewerkzeug-Spezialisten Desoutter in Maintal. Doch das Gegenteil sei der Fall. Denn durch die Digitalisierung der Montage steigerten Unternehmen nicht nur Qualität und Produktivität; vielmehr zeigten sie sich damit als attraktiver Arbeitgeber, der innovative und ergonomische Arbeitsplätze bereitstellt. Herr Pöppe, Desoutter bietet ein Werkerassistenz-System für Montagearbeitsplätze an. Welche Probleme Ihrer Kunden können Sie mit Ihrem Assistenzsystem PivotWare lösen? Ganz oben auf der Liste stehen die Themen Qualität und Effizienz: Die müssen in einem Hochlohnland wie Deutschland stimmen; denn Ausschuss können sich die wenigsten leisten. Die Industrie muss mit dem eingesetzten Material sparsam umgehen, vor allem auch mit der wert- schöpfenden Zeit. Dabei können Werkerassistenz-Systeme sehr gut unterstützen. Manche Unternehmen kommen auch mit einem konkreten Qualitätsproblem auf uns zu. Das können vergessene Verschraubungen oder vertauschte Bauteile sein. Zuwei- Man muss die Digitalisierung als Investition in die Zukunft des Arbeitsplatzes verstehen len werden einzelne Komponenten nicht richtig befestigt oder in einem falschen Winkel angebracht. Oder ganze Montageabschnitte werden einfach nicht erledigt. Moderne Assistenzsysteme helfen, diese Fehler zu vermeiden. Die Absicherung mit traditionellen Mitteln hat halt ihre Grenzen. Sie sprechen von Montageschablonen, Farbmarkierungen oder Schulungen? Genau. Manche versuchen es auch mit Prämien, aber solche Ansätze helfen langfristig nicht weiter. Denn der Mensch ist nun mal immer eine Fehlerquelle, zumindest potenziell. Zumal die Montage zunehmend komplexer wird. Wenn viele Varianten gefertigt werden oder komplexe Bauteile, kommt es schneller zu einer Verwechslung. Wir haben Kunden mit 20 000 und mehr Varianten pro Produkt. Die kann sich kein Mensch mehr merken – und da helfen auch Farbmarkierungen nicht weiter. Außer- dem werden in allen Industriebranchen die Produktlebenszyklen kürzer. Und es gibt überall den Trend zur Individualisierung, Stichwort „Losgröße 1“. Eine solche Vielfalt und Komplexität muss man in der Fertigung aber erst mal abbilden. Mit einem Werkerassistenz-System wie unserer PivotWare gelingt das schnell und einfach. Können Sie ein Beispiel nennen, wie die Werkerassistenz in solchen Fällen unterstützt? Man kann etwa Pick-by-Light-Kästen integrieren oder die Bauteilvarianten mit unterschiedlichen Codes versehen. Der Werker scannt vor der Montage die Variante, und ein Lichtsignal zeigt ihm den Materialkasten mit den passenden Schrauben an. Die Software registriert, ob er die richtige Schraube nimmt und gibt dann erst den Schrauber für die Montage frei. Wie viel Werkerassistenz eingesetzt wird, entscheidet unser Kunde bei PivotWare übrigens selbst. Das System ist modular aufgebaut. Die „Grundausstattung“ kann um fast beliebig viele Features ergänzt werden – je nachdem, wie komplex die Anforderungen sind. 16 Der Betriebsleiter 06/2020 www.derbetriebsleiter.de

Gibt es neben der Qualitätssicherung und der Beherrschung von Komplexität noch andere Gründe für den Einsatz von Werkerassistenz? Ja. Manche Kunden wollen schlicht die Effizienz erhöhen, Trainings erleichtern oder einen digitalen Prozess für die Nachweisbarkeit implementieren. Andere Kunden wiederum müssen gesetzliche Vorgaben erfüllen oder haben einfach einen guten Ruf zu verlieren, wenn Fehler passieren. Wie nehmen denn die Mitarbeiter die neue Technik wahr? Und wie kommen sie damit zurecht? In der Regel sehr gut. Ein weiterer Grund für den Einsatz von Werkerassistenz ist ja, die Mitarbeiter psychisch und physisch zu entlasten, etwa von manuellen Tätigkeiten, die nicht ergonomisch sind. Oder ihnen die Verantwortung für fehlerhafte Verschraubungen zu nehmen. Dadurch sinkt die Arbeitsbelastung, auch der Krankenstand fällt in der Regel. In einigen Unternehmen gibt es sogar interne Bewerbungslisten auf die Montagearbeitsplätze mit Werkerassistenz! Das heißt, die Mitarbeiter nehmen diese Arbeitsplätze als modern und innovativ wahr. Man muss die Digitalisierung als Investition in die Zukunft des Arbeitsplatzes verstehen. Die zunehmende Automatisierung macht die Werker aber nicht überflüssig? Nein. Der Automatisierungsgrad wird in der Montage künftig zwar immer mehr zunehmen. Aber die meisten Prozesse sind viel zu komplex, als dass sie komplett automatisiert werden könnten. Sie erfordern eine Einsicht, die nur ein Mensch sichern kann. Stichwort „Effizienz“ – was kann ein Werkerassistenz-System in diesem Zusammenhang bewirken? Ich werde mit einem Assistenzsystem wie PivotWare effizienter, weil viele manuelle Schritte – und damit potenzielle Fehlerquellen – entfallen. Zum Beispiel das Erfassen von Daten oder das Heraussuchen von Informationen. Ich bringe hiermit einen Computer an einen Arbeitsplatz, der mit Geräten, Sensoren, Aktoren und Werkzeugen kommuniziert. In der klassischen Arbeitsanweisung muss der Werker vielleicht etwas nachschlagen – PivotWare zeigt es ihm ohne Zeitverzug zielgerichtet an. Er muss theoretisch nicht mal mehr das Bauteil scannen, weil ich MES- oder ERP-Systeme in meine Lösung integrieren kann. Außerdem vermeide ich Medienbrüche, die Zeit kosten und auch Ursache zahlreicher Fehler sind. PivotWare beherrscht also komplexe oder langwierige Prozesse und eine variantenreiche Fertigung. Wo unterstützt die Software sonst noch? Auch bei einfachen Prozessen kann ein solches System helfen. Etwa wenn es darum geht, die Richtigkeit einer einzelnen Verschraubung nachzuweisen. Mit unserer Assistenzlösung werden einfachste Produkte genauso montiert wie extrem komplexe Bauteile. Mit einem Werkerassistenz- System kann ich außerdem nicht nur die Qualität der Montage nachweisen, sondern meine Prozesse auch selbst optimieren, indem ich die Aufzeichnungen analysiere. Wie funktioniert diese Selbstoptimierung genau? Mit PivotWare kann ich meinen ganzen Prozess dokumentieren und habe die Möglichkeit, Geburtszertifikate auf Bauteilebene zu erstellen. Ich kann also nachweisen, welche Komponenten in einem Produkt verbaut worden sind und dass ich nach den Vorgaben gefertigt habe. Aber ich kann auch die Produktion ganzer Zeiträume quantitativ fassbar machen und so Rückschlüsse aus meinen Abläufen ziehen: Wo brauche ich besonders lange, an welcher Stelle sollte ich den Prozess überdenken oder wo muss ich den Werker noch besser unterstützen? Sie sprachen von Geburtszertifikaten auf Bauteilebene. Wird diese Art der Dokumentation häufig gefordert? Die Notwendigkeit der Dokumentation nimmt definitiv zu und betrifft nicht mehr nur die Automobilindustrie. Die Absicherung von Verschraubungen gemäß Klasse A der VDI/VDE 2862 wird auch in Zweigen der allgemeinen Industrie zunehmend gefordert. Und auch wenn nicht „Leib und Leben in Gefahr“ sind, wenn eine Verschraubung versagt, wollen Unternehmen heute nachweisen können, dass sie hervorragend gearbeitet haben. Manchen geht es darum, sich im Zweifelsfall gegen Reklamationen wehren zu können, für andere ist es der Imagegewinn. Auch Rückrufaktionen werden deutlich leichter und effizienter. Und die Dokumentation über PivotWare ist übrigens auch ein Pluspunkt, wenn die Fertigung auditiert wird. Wie lange dauert es denn erfahrungsgemäß, bis eine Werkerassistenz implementiert ist? Das ist sehr unterschiedlich. Wir sind von sechs Wochen bis anderthalb Jahre mit den Unternehmen im Austausch. Wir unterstützen unsere Kunden von der ersten Anfrage über die Projektierung bis zur Umsetzung. Manche Kunden wollen zunächst mit einem Piloten starten, um Erfahrungen zu sammeln. Wir sind dafür, weil es für sie einfacher ist, nach einer Schulung das System selbst auszuprobieren. Der Kunde kann selbst Prozesse einrichten, ändern, neue Varianten anlegen – und erfährt, wie leicht das geht. Mit dieser einen Station wird das Universum der Werkerassistenz begreifbar, sodass er das System nach und nach bedarfsgerecht in seiner Fertigung einführen kann. Hierfür bieten wir alle Tools, die er braucht: Schrauber, Software, Displays … Und natürlich betten wir das alles in maßgeschneiderte Trainings und umfassenden Service ein. Bilder: Desoutter www.desoutter.de Komponenten für die Smart Factory 1914 in Frankreich gegründet, ist Desoutter heute einer der weltweit führenden Anbieter von Industriewerkzeugen, Montagelösungen und Dienstleistungen für die Automobil- und Offroadindustrie, die Luft- und Raumfahrtindustrie sowie den allgemeinen Maschinen- und Anlagenbau. Industrie 4.0 ist bei Desoutter nicht nur ein Schlagwort: Von ausgereifter Soft- und Hardware für eine intuitive Werkerassistenz bis hin zur umfassenden Prozesssteuerung erhalten Anwender hier alle Komponenten für ihre Smart Factory aus einer Hand. www.derbetriebsleiter.de Der Betriebsleiter 06/2020 17

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