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Der Betriebsleiter 5/2015

Der Betriebsleiter 5/2015

MASCHINENSICHERHEIT I

MASCHINENSICHERHEIT I SPECIAL Betreiber in der Pflicht Sicherer Maschinenbetrieb auch nach baulichen Veränderungen Andreas Hoffhaus, Torsten Gast Zum Schutz ihrer Mitarbeiter sind Unternehmen als Betreiber für die sichere Funktionsweise der jeweiligen Arbeitsmittel verantwortlich. In diesem Zusammenhang müssen die Anforderungen der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) beachtet und umgesetzt werden. Dazu gehört auch die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung. Dabei kann es hilfreich sein, sich von einem externen Dienstleister unterstützen zu lassen. Wesentliche Bestandteile der täglichen Arbeit vieler produzierender Unternehmen sind der Umbau, die Modernisierung oder die Verkettung vorhandener Maschinen. In diesem Kontext kommt der Aufrechterhaltung des sicheren Betriebs der Applikation eine besondere Bedeutung zu. Doch oftmals wissen die Mitarbeiter nicht genau, mit welchen Maßnahmen sie dieses Ziel erreichen können oder sie führen die Aktivitäten unter Umständen in der Praxis nicht korrekt aus. Das betrifft insbesondere die sicherheitstechnische Analyse und Bewertung der Änderungen. Ein Maschinenhersteller ist in jedem Fall dazu verpflichtet, während des gesamten Fertigungsprozesses die Vorgaben der Maschinenrichtlinie (MRL) zu erfüllen. Durch das Anbringen einer CE-Kennzeichnung auf der Maschine und das Beifügen einer entsprechenden Erklärung dokumentiert er abschließend die Konformität der Maschine zur MRL. Außerdem muss er dem Betreiber eine Betriebsanleitung mitliefern. Dipl.-Ing.(FH) Andreas Hoffhaus, Mitarbeiter im Competence Center Safety; Torsten Gast, Leiter Competence Center Safety, Phoenix Contact Electronics GmbH, Bad Pyrmont Maschinenbetreiber kann rechtlich zum -hersteller werden Nimmt der Betreiber im Zuge von Umbauten oder Modernisierungen Änderungen an der Maschine vor, kann er u. U. rechtlich zum Hersteller werden. Die Herstellerverantwortung kann ebenso auf den Betreiber übergehen, sofern er mehrere Maschinen, unvollständige Maschinen mit Maschinen Schnittstelle deutlicher beschrieben oder mehrere unvollständige Maschinen miteinander verbindet. Im Sinne des Produktsicherheitsgesetzes (ProdSG) vom 8.11.2011 gilt gemäß § 2 Nr. 1 jeder, der „ein Produkt wiederaufarbeitet oder die Sicherheits-Eigenschaften eines Verbraucherprodukts beeinflusst und dieses anschließend auf dem Markt bereitstellt“ als Hersteller. Dieser Passus umfasst auch Maschinen für den Eigengebrauch. Im Fall einer wesent- Die Bundesregierung hat am 7. Januar 2015 den Maßgaben des Bundesrats zur Neufassung der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und zur Änderung der Gefahrstoffverordnung zugestimmt. Die Verordnung tritt am 1. Juni 2015 in Kraft. Im Zuge der Überarbeitung ist die aus dem Jahr 2002 stammende BetrSichV neu strukturiert worden, wobei die Anforderungen an alle Arbeitsmittel im so genannten verfügenden Teil aufgeführt sind. Spezielle Anforderungen für bestimmte Arbeitsmittel finden sich in den Anhängen. Kurz zusammengefasst beschreibt die novellierte BetrSichV die Schnittstelle zwischen Hersteller und Betreiber deutlicher. Zur Gefährdungsbeurteilung liegen jetzt konkretere Rahmenbedingungen vor. So wurde unter anderem festgeschrieben, dass die Gefährdungsbeurteilung regelmäßig überprüft werden muss und Schutzmaßnahmen unter Umständen anzupassen sind. Die Verordnung enthält zudem eine neue Vorgabe: „Grundlegende Sicherheitsanforderungen“ der EU-Richtlinien sind bei einer Eigenherstellung in jedem Fall der Maßstab, selbst wenn sie aus sich heraus formal nicht angewendet werden müssen. 36 Der Betriebsleiter 5/2015

SPECIAL I MASCHINENSICHERHEIT lichen Veränderung erweist sich die Maschine ebenfalls als neues Produkt, was alle Pflichten zur Umsetzung der Anforderungen aus der Maschinenrichtlinie einschließt. Sollen also Maschinen umgebaut, modernisiert oder miteinander verkettet werden, ist eine strukturierte und reproduzierbare Vorgehensweise auf einer geeigneten fachlichen Grundlage unerlässlich. Dabei sollte die Dokumentation des Betreibers sämtliche Schritte lückenlos belegen. Nur so wird die Voraussetzung für aussagekräftige und belastbare Ergebnisse geschaffen. Veränderungen beurteilen Die Dienstleistungen, die Phoenix Contact den Betreibern im Bereich der Maschinensicherheit anbietet, richten sich an den beschriebenen Anforderungen aus. Mit umfassenden Beratungen zu den Themen „Wesentliche Veränderungen von Maschinen“ und „Verkettungen von Maschinen“ zeigen die Safety-Spezialisten beispielsweise die rechtlichen Vorgaben auf. Im Rahmen einer Verkettungsanalyse wird die bestehende Verbindung von Maschinen, die sich aus den produktions- und sicherheitstechnischen Erfordernissen ergibt, untersucht und bewertet. Die Sicherheitsexperten gehen hier z.B. der Frage nach, ob eine Gesamtheit von Maschinen vorliegt und eine Gesamt-CE- Kennzeichnung angebracht werden muss. Im Bereich der wesentlichen Veränderung von Maschinen erläutern die Fachleute die empfohlene Vorgehensweise und unterstützen den Betreiber beim Analyseprozess. Die verketteten Anlagen oder Veränderungen werden anhand von Checklisten und Dokumentationsvorlagen beurteilt. Der Maschinenbetreiber erhält auf diese Weise die Gewissheit, ob er durch die ge­ 02 Geeignete Prozesse und Dokumentationsunterlagen sind für die Prüftätigkeiten unabdingbar 03 Auch wenn der Betreiber zum Hersteller wird, unterstützt der Sicherheitslebenszyklus bei der Umsetzung der funktionalen Sicherheit planten Aktivitäten in die Verantwortung eines Herstellers kommt. Darüber hinaus wird ihm dargelegt, durch welche Maßnahmen er dies eventuell umgehen kann. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn durch die Verkettung von Maschinen ein Ereignis vermieden wird, das bei einem Bestandteil der verketteten Maschine auftritt und zu einer Gefährdung an einer anderen Maschine oder Ausrüstung führt. Das Dienstleistungs-Portfolio von Phoenix Contact deckt außerdem den kompletten Sicherheitslebenszyklus der Maschinen ab. Hersteller und Betreiber werden sowohl in einzelnen Phasen als auch während des gesamten Prozesses bis zum Nachweis der Konformität gemäß Maschinenrichtlinie unterstützt. Auf Wunsch führen die Safety-Spezialisten vor Ort Maschinenanalysen und –inspektionen durch und geben priorisierte Ratschläge, sofern sicherheitstechnische Lücken ersichtlich sind. Die langjährige Erfahrung der Mitarbeiter des Competence Center Safety sowie geeignete Dokumentationsvorlagen schaffen hier nachweisbare Sicherheit. Harmonisierte Normen als rechtliche Grundlage Die BetrSichV fordert gemäß § 4 Abs. 2 für die Bereitstellung und Benutzung von Arbeitsmitteln grundsätzlich den Stand der Technik. Mit der Anwendung harmonisierter Normen können Betreiber, die in ihrer Verantwortung zum Hersteller werden, nach § 4 Abs. 1 und Abs. 2 des ProdSG die Einhaltung der Anforderungen der Maschinenrichtlinie vermuten. Vor diesem Hintergrund bieten sich die Methoden harmonisierter Normen zur Analyse an, die die Hersteller der Maschinen normalerweise ebenfalls verwenden. Zur Erfassung der Gefährdungen und Risiken kann daher die harmonisierte Norm DIN EN ISO 12100 herangezogen werden. Die Normen DIN EN 62061 und DIN EN ISO 13849-1 helfen bei der Einschätzung von Gefahren und Risiken. Beide Standards nutzen zu diesem Zweck entsprechende Parameter und weisen das Sicherheitsniveau über den Safety Integrity Level (SIL) oder Performance Level (PL) aus. Eine Hilfestellung hinsichtlich des grundsätzlichen Procederes bei wesentlichen Veränderungen gibt die nationale Interpretation im Bund-Länder-Papier „Wesentliche Veränderung von Maschinen“ vom 07.11.2000 (Bundesarbeitsblatt 11/2000). Das am 05.05.2011 als amtliche Bekanntmachung (Bek. d. BMAS vom 5.5.2011, IIIb5 39607 3) im Gemeinsamen Ministerialblatt GMBl 2011, S. 233 veröffentlichte Interpretationspapier zum Thema „Gesamtheit von Maschinen“ beschreibt hingegen grundlegende Kriterien zur Beurteilung verketteter Maschinen. Fazit Wird ein Betreiber zum Hersteller, muss die Maschine oder die Gesamtmaschine allen Anforderungen der Maschinenrichtlinie gerecht werden, wie dies beim erstmaligen Inverkehrbringen eines Produkts der Fall ist. Liegt keine wesentliche Veränderung gemäß ProdSG vor, sind die unter Umständen anfallenden Abwandlungen bei der Sicherheitstechnik trotzdem fachgerecht zu integrieren. Ferner müssen die Rahmenbedingungen der BetrSichV beachtet werden. Das gilt ebenso für die an die Dokumentation gestellten Anforderungen. Ein häufig vernachlässigter Aspekt ist die Notwendigkeit, für die anstehenden Aufgaben strukturierte und eindeutige Prozesse im Unternehmen zu definieren. Sie bilden die Basis für eine sowohl zeitlich als auch finanziell effektive Umsetzung. www.phoenixcontact.de/safety Im Fokus Sicherheit Effizienz Nachhaltigkeit Der Betriebsleiter 5/2015 37

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