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Der Betriebsleiter 11-12/2015

Der Betriebsleiter 11-12/2015

FERTIGUNGSTECHNIK I

FERTIGUNGSTECHNIK I TITEL Verordnung schafft Klarheit Umbau und Modernisierung von Maschinen nach der neuen BetrSichV er selbst zum Hersteller und muss somit alle Richtlinien und ggf. Normen der Maschinensicherheit berücksichtigen, die für einen Hersteller gelten. Hilfreich: Interpretationspapier des BMAS Bei Umbauten an vorhandenen Maschinen gab es jedoch stets Interpretationsspielraum, ob es sich um eine wesentliche Veränderung handelt oder nicht. Aus Sicht der Normungsgremien, der Überwachungsbehörden und auch der gewissenhaften Betriebsleiter und Maschinenbetreiber war das ein unbefriedigender Zustand, der aber jetzt beendet ist. Denn die BetrSichV und ein Interpretationspapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) vom 9. April 2015 schaffen nun Klarheit. Per Definition der BetrSichV kann eine wesentliche Veränderung vorliegen, wenn eine Funktionsänderung (bestimmungsgemäßer Gebrauch), eine Leistungserhöhung oder eine Änderung der Sicherheitstechnik vorliegen – wobei eine sicherheitstechnische Verbesserung ausdrücklich nicht als wesentliche Veränderung gewertet wird. Siegfried Wolf Seit Mitte des Jahres gilt die neue Fassung der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV). Sie enthält einige Änderungen, die für alle Betreiber von Maschinen und Anlagen relevant sind. Und sie klärt – zusammen mit einem Interpretationspapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) – endlich die Frage, welche sicherheitstechnischen Anforderungen bei der Modernisierung und beim Umbau von Maschinen zu berücksichtigen sind. Dipl.-Ing. (FH) Siegfried Wolf, Leiter tec.nicum academy der Schmersal Gruppe, Wuppertal Zu den Neuerungen, die sich aus der aktuellen BetrSichV ergeben, gehört die Definition der „wesentlichen Veränderung“. Der Begriff an sich ist nicht neu. Vielmehr ist er all jenen Betriebsleitern vertraut, die Umbauten und Modernisierungen an Maschinen in Auftrag geben oder in Eigenregie durchführen. Definitionssache: Was ist eine „wesentliche Veränderung“? In der Vergangenheit hat es hier immer wieder Diskussionen und Unklarheiten gegeben. Denn es war zwar festgelegt, dass immer dann eine Neubewertung der Maschinensicherheit zu erfolgen hat, wenn die Modernisierung oder der Umbau eine wesentliche Veränderung darstellt. Und es gab auch Fälle, die in der Praxis häufig vorkommen und bei denen es sich unstrittig um eine solche Veränderung handelt – zum Beispiel dann, wenn der Maschinenbetreiber mehrere unvollständige Maschinen zu einer Gesamtmaschine integriert oder zu einer Anlage verkettet. In diesem Fall wird Bei Unklarheiten: Beratung hilft Ohne Frage bringt die neue BetrSichV in Kombination mit dem Interpretationspapier des BMAS Klarheit in die viel diskutierte Frage, wie eine „wesentliche Veränderung“ zu definieren ist. Sie bringt aber auch neue Aufgaben für den Betriebsleiter bzw. seine Mitarbeiter mit sich. Die Schmersal Gruppe hat Veranstaltungen in das umfangreiche Seminarprogramm der tec.nicum academy aufgenommen, die sich explizit an die Betreiber von Maschinen und an die Sicherheitsingenieure in den Betrieben richten und deren Fragen zur funktionalen Sicherheit sowie zur BetrSichV beantworten. Das komplette Seminarprogramm steht unter www.tecnicum. schmersal.com. Außerdem bietet Schmersal im Rahmen seiner „Safety Services“ die sicherheitstechnische Analyse vorhandener Betriebe und Maschinenparks an – ein Angebot, das weltweit insbesondere von multinationalen und besonders sicherheitsbewussten Produktionsunternehmen intensiv genutzt wird. 8 Der Betriebsleiter 11-12/2015

TITEL I FERTIGUNGSTECHNIK Kernfrage: Liegt eine neue Gefährdung vor? Noch deutlicher wird ein Interpretationspapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), das mit Beteiligung der BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) verfasst und am 09. April 2015 im Gemeinsamen Ministerialblatt (GMBl 2015, S 183) veröffentlicht wurde. Nach diesem Interpretationspapier macht sich eine wesentliche Veränderung daran fest, ob eine neue Gefährdung vorliegt. Wenn diese Gefährdung zu einem neuen bzw. einem erhöhten Risiko führt und die vorhandenen Schutzmaßnahmen nicht ausreichend sind und sich mit einfachen Schutzeinrichtungen auch kein sicherer Zustand herstellen lässt, dann handelt es sich per Definition um eine wesentliche Veränderung. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass für die jeweiligen Änderungen eine normenkonforme Risikobeurteilung vorzunehmen und ein Konformitätsbewertungsverfahren durchzuführen ist, das mit einer neuen CE-Kennzeichnung der Maschine abschließt. Dies kann unter Anderem zur Folge haben, dass zusätzliche Schutzeinrichtungen an der Maschine angebracht werden müssen. Flowchart erleichtert Bewertung Sehr anschaulich wird diese Thematik in einem Flowchart dargestellt, das Teil des Interpretationspapiers ist. Wenn der Betreiber eine Veränderung an einer Maschine vorgenommen hat, stellen sich unter sicherheitstechnischen Aspekten als erstes die Fragen: „Liegt eine neue Gefährdung vor?“ und „Liegt eine Erhöhung des vorhandenen Risikos vor?“ Können beide Fragen verneint werden, liegt keine wesentliche Veränderung vor. Wenn aber eine der beiden Fragen bejaht wird, muss der Betreiber prüfen, ob die vorhandenen Schutzmaßnahmen ausreichend sind. Ist dies nicht der Fall, gilt es zu prüfen, ob das (neue bzw. erhöhte) Risiko mit einfachen Schutzeinrichtungen eliminiert oder ausreichend minimiert werden kann. Wenn dies möglich ist, muss der Betreiber diese Maßnahme ergreifen und zusätzliche Schutzeinrichtungen installieren. Wenn er diese Frage jedoch verneint, handelt es sich Im Fokus Sicherheit Effizienz Nachhaltigkeit um eine wesentliche Veränderung und es muss eine neue Konformitätserklärung für die Maschine bzw. für die Anlage erstellt werden – mit allen vorgelagerten Schritten wie zum Beispiel einer vollständigen Risikobeurteilung. Was ist eine „einfache Schutzeinrichtung“? Es ist vielleicht der Komplexität des Themas geschuldet, mutet aber fast schon wie Ironie an. Aus der Erklärung, die das Interpretationspapier liefert, entsteht eine neue Definitionsfrage: Was ist, bitte, mit „einfachen Schutzeinrichtungen“ gemeint? Glücklicherweise sind sich die Experten darin einig, dass die am häufigsten verwendete Schutzeinrichtung, der Schutzzaun, als einfache Schutzeinrichtung bezeichnet werden kann. Zudem beinhaltet das aktuelle Interpretationspapier nicht mehr die Wortkombination „einfache trennende Schutzeinrichtungen“, sondern „einfache Schutzeinrichtungen“. Das bedeutet: Auch bewegliche trennende Schutzeinrichtungen (sprich: Schutzzaun mit Schutztür) und nicht trennende (z. B. optoelektronische) Schutzeinrichtungen können als „einfache Schutzeinrichtungen“ angesehen werden, sofern sie nicht erheblich in die bestehende sicherheitstechnische Steuerung der Maschine eingreifen. In vielen Fällen wird der Betreiber der Maschine jedoch zu dem Ergebnis kommen können, dass es sich bei dem Umbau, der (erweiterten) Reparatur oder dem Retrofit nicht um eine wesentliche Veränderung handelt und somit der gesamte Prozess der Konformitätsbewertung nicht erneut absolviert werden muss. Zusätzliche Verantwortung für den Betreiber Die neue BetrSichV bringt weitere neue Pflichten für den Maschinenbetreiber mit, die in Ausgabe 7-8/15 dieses Magazins schon ausführlich dargestellt wurden. Zum Beispiel muss er bei der Anschaffung neuer Maschinen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen, um (Rest-)Gefährdungen für den konkreten Anwendungsfall der Maschine zu ermitteln. Außerdem muss die Gefährdungsbeurteilung regelmäßig überprüft und ggfs. aktualisiert werden, und zwar über die gesamte Verwendungsdauer der Maschine. Hieraus könnte sich in der Praxis die Notwendigkeit einer sicherheitstechnischen Nachrüstung ergeben – eine neue Aufgabe für Betriebsleiter, Instandhalter und/oder Sicherheitsingenieure. www.schmersal.com 01 02 03 01 Vorsicht Risiko: Nach Umbauten an Maschinen muss der Betreiber prüfen, ob neue Risiken entstanden sind bzw. vorhandene Risiken erhöht wurden 02 Der Sicherheitssensor RSS 16 eignet sich gut für den sicherheitstechnischen Retrofit vorhandener Maschinen 03 Auch optoelektronische Schutzeinrichtungen kommen häufig zum Einsatz, wenn das Risiko an Gefahrstellen vorhandener Maschinen beseitigt bzw. minimiert werden soll

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