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Der Betriebsleiter 10/2015

Der Betriebsleiter 10/2015

MONTAGE- UND

MONTAGE- UND HANDHABUNGSTECHNIK I INTERVIEW Arbeitsschutz für Schweißer Neuer Grenzwert für alveolengängige Stäube und Möglichkeiten für Betriebe zur Umsetzung Der Stellenwert von Arbeitsschutz bei Metallverarbeitern steigt. Nach der Absenkung des Grenzwerts für alveolengängige Schweißrauchpartikel um mehr als 60 Prozent im vergangenen Jahr diskutiert die Branche über dessen Einhaltung. Wie sich Betriebe in Sachen Arbeitsschutz für Schweißer aufstellen sollten, erklärt Björn Kemper, Geschäftsführer der Kemper GmbH, im Interview. Weiterentwickelte Schweißverfahren versprechen heute zum Teil die Hälfte an Emissionen. Wird der Arbeitsschutz für Schweißer irgendwann überflüssig? Auf diese bezieht sich die Grenzwertabsenkung, die die Branche seit vergangenem Jahr beschäftigt. Greift sie daher zu kurz? Erfassungsgrad hängt dagegen auch vom Verhalten der Schweißer ab. Wird das Arbeitsschutz-Equipment nicht fachgerecht eingesetzt, kann verschmutzte Luft ungefiltert in die Halle entweichen. Wir stellen oft fest, dass ein Bewusstsein für den Arbeitsschutz selbst bei den Schweißern teilweise nur schwach ausgeprägt ist. Das liegt zum Teil daran, dass viele Absaugsysteme beim Schweißen zu unpraktisch sind und den Schweißer eher behindern. Absaugungen sollten die Arbeit des Schweißers im besten Fall aber sogar erleichtern. Wie soll das gehen? Vor dieser Einschätzung warne ich entschieden. Fakt ist: Die Schweißrauchmengen reduzieren sich durch neue Verfahren oder gar alternative Werkstoffe insgesamt zwar tatsächlich. Allerdings steigt zugleich die Konzentration der unsichtbaren ultrafeinen Partikel an. Untersuchungen der Berufsgenossenschaft Holz und Metall zeigen, dass Schweißrauchpartikel in der Regel kleiner als 1 µm sind und ihre überwiegende Anzahl sogar kleiner als 0,4 µm ist. Diese sind gefährlicher als die ohnehin schon gefährlichen alveolengängigen Schweißrauchpartikel. 01 Björn Kemper, Geschäftsführer der Kemper GmbH: „Arbeitsschutz ist betrieblicher Bestandsschutz für die Zukunft“ Der neue Grenzwert erkennt erst einmal die Realitäten an. Alleine Partikel unter 10 µm können in die Lungenbläschen vordringen. Für die Partikelgröße von 0,1 µm – darunter sprechen wir von ultrafeinen Partikeln – bis 10 µm gilt der Grenzwert. Sind Mitarbeiter metallverarbeitender Betriebe dauerhaft Schweißrauchpartikeln ausgesetzt, drohen schwere Erkrankungen der Atemwege bis hin zu Krebs. Die noch kleineren ultrafeinen Partikel gelangen aber erst allmählich in den Fokus der Arbeitsschützer. Der maßgebliche Ausschuss für Gefahrstoffe hat angekündigt, eine neue Technische Regel für Gefahrstoffe speziell für solche Stäube zu entwickeln. Von daher müssen Metallverarbeiter von weiteren Verschärfungen in der Zukunft ausgehen. Was können Metallverarbeiter in der Zwischenzeit tun, um ihre Mitarbeiter zu schützen? Grundsätzlich gilt, dass Metallverarbeiter Schweißrauch an der Entstehungsstelle möglichst vollständig erfassen und gefahrlos entsorgen müssen. Dazu ist effektive Absaug- und Filtertechnik erforderlich. Richtig eingesetzt, sorgt eine Absaugung am Entstehungsort dafür, dass sich die Gefahrstoffe erst gar nicht ausbreiten. Betriebe müssen sich bei der Ausstattung eine Frage stellen: Was nutzen die besten Filter, wenn der Schweißrauch nur unzureichend erfasst wird? Was meinen Sie damit? Wir unterscheiden in der Absaug- und Filtertechnik zwischen Erfassungs- und Abscheidegrad. Für letzteren ist die Qualität des Filters ausschlaggebend. Der Wir empfehlen Absaugarme, die leicht und um 360 Grad von Hand drehbar sind und sich freitragend in der vom Schweißer vorgegeben Position halten. Unsere spezielle Absaughaube verfügt zudem über eine flanschförmige Abdeckung, sodass der gesamte Schweißrauch entlang der Schweißnaht erfasst wird. Durch eine Leuchte in der Haube führen Schweißer diese alleine wegen der besseren Sicht auf das Werkstück nach. Das zahlt auch auf den Arbeitsschutz ein. Solche Absaugarme sind Bestandteil von sogenannten Niedrigvakuumpunktabsaugungen. Diese werden in der Praxis am häufigsten eingesetzt. Welche Möglichkeiten bestehen sonst noch? Alternativen zu den Niedrigvakuum- Punktabsaugungen sind brennerintegrierte Systeme, die direkt an der Schweißpistole ansetzen, oder trichter- oder schlitzförmige Hochvakuum-Punktabsaugungen. Bei Schweißrobotern sind auf ihre Größe angepasste Absaughauben mit seitlichen Schutzlamellen erste Wahl. Viele Betriebe setzen zentrale Raumlüftungen ein. Ein Trend? Tatsächlich fragen Metallverarbeiter Raumlüftungen heute verstärkt nach. Alleine auf Raumlüftungen zu setzen, ist aber nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Grundsätzlich sind Raumlüftungen als Ergänzung zu Punktabsaugungen zu sehen. Direkt an der Entstehungsstelle abzusaugen, hat oberste Priorität. Kleinteilige Schweißungen an mehreren Stellen oder die Beschaffenheit der Werkstücke machen Punktabsaugungen allerdings des Öfteren unpraktikabel. Dann greifen 26 Der Betriebsleiter 7-8/2015

INTERVIEW I MONTAGE- UND HANDHABUNGSTECHNIK 02 Mit den hoch effizienten Schweißrauchfiltersystemen von Kemper lassen sich selbst ultrafeine Feinstäube aus der Luft entfernen Raumlüftungssysteme. Sie haben den Vorteil, Unbeteiligte in der Werkshalle vor den Schadstoffen zu schützen und die Luftqualität im gesamten Raum zu erhöhen. Welche Varianten gibt es? Mischlüftungen und Verdrängungslüftungen, wobei die Berufsgenossenschaft letztere empfiehlt. Diese nutzt den natürlichen Auftrieb des Schweißrauchs, indem sie saubere Luft von unten der Halle zuführt und in circa vier Metern Höhe den Schweißrauch ansaugt. Mischsysteme erzielen, richtig geplant, dagegen mehr Tiefenwirkung. Mit dem CleanAirTower haben wir aber ein Verdrängungslüftungssystem entwickelt, das frei im Raum positionierbar ist, je nachdem, wo geschweißt wird. Absaugsysteme schön und gut: Aber die Technische Regel für Gefahrstoffe 528 schreibt vor, zuvorderst durch das Schweißverfahren oder Zusatzwerkstoffe das Gefahrenpotenzial zu minimieren… Da haben sie Recht, alleine aber die verbreitetsten Verfahren Schutzgasschweißen (MIG und MAG) und Lichtbogenhandschweißen mit umhüllten Stabelektroden (LBH) weisen ein sehr hohes Gefährdungspotenzial auf. Lüftungstechnische Maßnahmen sind da unumgänglich. Wie ermitteln Betriebe, wann diese im Einzelfall nötig sind? Innerhalb einer Gefährdungsbeurteilung. Das Gefahrenpotenzial ist abhängig von der Kombination aus Verfahren und Werkstoff. Bei der Verarbeitung von Chrom-Nickel-Stählen beispielsweise entstehen beim MIG/MAG-Schweißen Einzelpartikel mit einer Größe ab gerade einmal 10 nm – noch unterhalb der bereits ultrafeinen 0,1 µm. Und beim Chrom- Nickel-Stahl beispielsweise sind grundsätzlich W3-Filter und somit lüftungstechnische Maßnahmen vorgeschrieben. Damit sind wir jetzt beim Abscheidegrad. Was ist beim Filter zu beachten? Nehmen wir Folgendes an: Im besten Fall wurden 100 Prozent der Gefahrstoffe schon an der Entstehungsstelle abgesaugt. Jetzt kommt das Filter ins Spiel. W3-Filter scheiden heute mehr als 99 Prozent der alveolengängigen Partikel aus der verschmutzten Luft ab. Bei Verfahren, in denen atem- und lungenbelastende oder toxisch-irritative Stoffe wie Eisen- oder Kupferoxide freigesetzt werden, sind W2-Filter zwar teilweise noch zulässig. Allerdings scheiden die W3-Filter auch den Großteil der noch kleineren ultrafeinen Staubpartikel aus der Luft ab. Bereits Einsteigermodelle und mobile Absaug- und Filteranlagen verfügen darüber – ebenso wie über eine kontaminationsfreie Staubentsorgung. Was verbirgt sich dahinter? Darin liegt der Trend schlechthin. Lange wurde das Thema Schadstoffentsorgung unterschätzt. Bei herkömmlichen Systemen besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter beim Wechsel der Schadstoffbehälter in Kontakt mit den Partikeln kommen. Dieses Problem haben wir beispielsweise bei unserem mobilen Der neue Grenzwert Seit April 2014 gilt ein neuer Arbeitsplatzgrenzwert für alveolengängige Stäube. Alveolengängig bezeichnet Schweißrauchpartikel, die kleiner als 10 µm sind. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales senkte im vergangenen Jahr den Arbeitsplatzgrenzwert für alveolengängige Stäube von 3 auf 1,25 mg/m³ – bereits 2001 war der Grenzwert von 6 auf 3 mg/m³ gefallen. Metallverarbeitenden Betrieben bleibt unter bestimmten Bedingungen in einer Übergangsfrist bis 2018 Zeit, den neuen Grenzwert einzuhalten. Absauggerät MaxiFil Clean mit einem einzigartigen Austrag des Staubes in Kartuschen gelöst. Das gewährleistet eine kontaminationsfreie Entsorgung. Darauf haben wir ein Patent angemeldet. Für Betriebe bleibt Arbeitsschutz ein großer Kostenfaktor. Was entgegnen sie diesen? Dass Arbeitsschutz betrieblicher Bestandsschutz für die Zukunft ist. Junge Schweißergenerationen legen Wert auf solch weiche Faktoren bei der Arbeitgeberwahl. Alleine vor dem Hintergrund der Fachkräftesicherung sollten Metallverarbeiter den Nutzen hinter der Luftreinhaltung erkennen. Arbeitsschutz sorgt für eine höhere Arbeitszufriedenheit. Ganz praktisch entstehen bei einem effektiven Arbeitsschutz außerdem weniger Arbeitsunterbrechungen und Fehltage. Das steigert die Qualität und Produktivität. www.kemper.eu/de SMARTER PRODUCT USABILITY EFFIZIENTE INBETRIEBNAHME – SICHER- HEITS-LICHTVORHÄNGE MLC 500 / 300 www.leuze.de easy handling. Blechexpo, Halle 1, Stand 1118 Leuze.indd 1 23.09.2015 15:15:48 Der Betriebsleiter 10/2015 27 AZ_Der_Betriebsleiter_185x30_MLC_M_01.indd 1 11.03.15 09:38

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